Martin Custom-OM 40 K Limited Reparatur

Alle Gitarren-Interessierten, die sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigen, kennen die großen und berühmten Marken, deren Qualität und Preise über jeden Zweifel erhaben zu sein scheinen, wie ihr Ruf. Manchmal wird diese Sichtweise auf eigentümliche Weise erschüttert.

Wir haben es hier mit einem Orchestra-Modell, einer OM 40 K Limited, des Traditionsherstellers Martin & Co zu tun, das in 2007 laut Besitzer eigens für den deutschen Vetrieb in einer auf max. 22 Exemplare begrenzten Zahl hergestellt wurde. Weiterhin soll es sich um eine Art Ableitung der Mark Knopfler Signature Dreadnought handeln. Ein andere Quelle (http://www.ten-guitars.de) geht von lediglich 7 Instrumenten aus, als Ergänzung zu den beiden bestehenden Mark Knopfler Modellen HD-40 und 000-40. Vergleichbar ist die bekannte Eric Clapton-OM, die sich trotz des stolzen Preises seit Jahren einer wachsenden Beliebtheit erfreut. Die Unterschiede sind i. e. L. optischer Natur, soweit ich das beurteilen kann und damit wäre auch geklärt, in welchen Preisregionen wir uns bewegen. Der Neupreis lag bei 4950 €. Im direkten Vergleich hat die Custom-OM die berühmte Schwester klanglich hinter sich gelassen und das musikalische Herz ihres Besitzers ziemlich eindeutig gewonnen.

Die Gitarre

Mein erster Eindruck war eher unspektakulär, wobei die Merkmale einer hochwertigen Gitarre sofort ins Auge fallen (zu den Macken komme ich noch…). Auffällig auch die honigfarbene und vergleichsweise dicke Decke aus italienischer Alpenfichte, die mit Herringbone-Einlagen und einem elfenbeifarbenen Kunstoffbinding eingefasst ist. Der Korpus besteht aus einem relativ dunklen, dezent gemaserten ostindischen(?) Palisander – Griffbrett (14fret) und Steg sind aus sehr hartem, fast schwarzen Ebenholz. Im Gegensatz zur eher schmucklosen Schallocheinfassung der Clapton-OM sind hier eine ganze Reihe dünner Ebenholzringe eingelegt. In deren Mitte findet sich noch ein relativ breiter Ebenholzring mit Routeneinlagen, die „historical Rosette“, beides von der Knopfler-HD 40 übernommen wie auch die Snowflakes im Grifbrett. Alles Andere ist incl. der Waverly-Mechaniken typisch und klassischer Martin-Style.

Was nicht nur mich wirklich beeindruckt hat, ist der voluminöse Klang, den diese doch relativ kleine Gitarre hervor bringt. Vor allem die Mitten sind n. m. E. bei deutlich günstigeren OMs (z. B. 500-800 €) flacher und um Einiges weniger präsent. Nicht so bei dieser Custom-OM. Ein lauter und warmer, entsprechend mittenbetonter Klang breitet sich um den Spieler herum aus und überträgt sich auch sehr vernehmlich über das Instrument selbst. Die Gitarre schwingt regelrecht, die feinen Vibrationen sind deutlich zu spüren und die einzelnen Saiten & Töne klingen mit einem schönen, langen Sustain aus. Die Obertöne sind eher dezent und rücken weniger in den Vordergrund, als ich das von anderen OMs (s.o.) gewohnt bin. Trotz des relativ kleinen Korpus verfügt die Custom über eine Lautstärke, die mit einer Dread-nought problemlos mithalten kann. Deren Bässe sind dann vielleicht noch etwas klarer und kontourierter, wie man zumindest theoretisch erwarten kann. Alles in allem wurden hier exzellente, gut abgelagerte Hölzer von hoher Qualität und mit einer entsprechenden Schwingungsfähigkeit verarbeitet.

Jetzte kommt das ABER …

Die Verarbeitung und das Problem

Nicht ohne Grund fand die OM den weiten Weg von Heidelberg bis hierher ins Ruhrgebiet. Beim ersten Telefon-gespräch schien es sich um eine eingefallene Decke und einen nach vorne gekippten Steg zu handeln, einem gar nicht so seltenen Phänomen, dem ich schon früher abhelfen konnte (siehe z. B. Johnson JD16 mit Bridgetruss). Alles Weitere sollte sich in direktem Kontakt vor Ort klären. Etwas verwundert war ich schon, denn im und um den Raum Heidelberg herum sollten sich genügend kompetente Werkstätten oder Instrumenenbauer finden, aber anscheinend war die Suche des OM-Eigners – ich nenne ihn mal passenderweise Martin – nicht wirklich von Erfolg gekrönt.

Sieht man sich die Beschreibung OM K 40 Limited bei http://www.ten-guitars an und wirft einen genauen Blick auf Martins Martin, drängt sich in unserem Fall der Verdacht auf, dass es sich um eines der legendären „Montagsmodelle“ handelt, die auch bei High End-Herstellern vorkommen. Bevor er sie seinerzeit kaufte, hing die OM K 40 längere Zeit bei einem großen Händler an der Wand und wurde irgendwann im Preis reduziert.

Nach einer Zeit in Freude und Eintracht erwachte in Martin der Verdacht, dass mit seiner Martin etwas nicht stimmt. Die Decke wölbte sich unterhalb des Steges nach oben und dieser schien in Richtung Kopfplatte zu kippen. Bevor er die OM zum Hersteller schicken würde, um die Decke komplett erneuern zu lassen, versprach eine Begradigung mit Hilfe eines Bridgetruss eine wesentlich kostengünstigere Abhilfe. Direkt unterhalb des Steges bestand ein kleiner Riss im Lack, es war aber nicht auf Anhieb ersichtlich, ob sich auch die beiden Hälfte der Decke zu lösen begannen. So kam unser Kontakt zustande.

Dem intensiven Augenschein nach konnte ich seinen Eindruck bestätigen und bez. der Problemlösung waren wir frohen Mutes, wie man so schön sagt. Der Lackriss war tatsächlich nur ein Lackriss. Weiterhin auffällig waren drei Stellen, an denen sich das Binding gelöst hatte, jeweils links und rechts am ersten Bund sowie unterhalb des Griffbrett-endes, hier war es regelrecht geschrumpft und abgefallen – hätte ich in dieser Preiklasse nicht erwartet. Aber noch viel besser waren die scharfkantigen Bundenden, mit denen man hätte Nägel schneiden können. Das kenne ich von der Ein- und Aufsteigerklasse aus der Massenfertigung, da gehört das Entgraten und Verrunden der Bünde zu meinen Standard-Maßnahmen. Nichts also, was sich nicht beheben ließe, aber an dieser Gitarre dieses Herstellers – da war ich schon ziemlich baff!

Die Überarbeitung

Die anstehenden Arbeiten waren somit klar: Decke mit Hilfe des Bridgetruss begradigen, Steg entsprechend bearbeiten (u. a. waren die Ecken unangenehm scharf bzw. spitz, sobald die Spielhand oder -handgelenk daran vorbeischabten), Bundenden entgraten und verrunden, Binding befestigen, Lackriss verschließen. Ich habe dieses Mal leider nicht daran gedacht, die Arbeitschritte festzuhalten, daher gibt es nicht sehr viele Fotos.

Die Installation des Bridgetruss war etwas schwieriger als bisher (bei den Dreadnoughts), weil der Korpus natürlich flacher ist und weniger Platz zur Verfügung stand. Der Bridgetruss lässt sich im Originalzustand nicht in einer OM aufrichten und musste entsprechend verändert werden (die JLD-Leute sollten sich mal Gedanken dazu machen). Ansonsten blieb das übliche Prozedere – der Bridgetruss wird mittels einer dünnen Gewindeschraube mit dem Steg verschraubt und auf der Stegoberfläche muss das an der Stelle breitere Loch für den Schraubenkopf gebohrt und anschließend verschlossen werden.

Beim Ansetzen des Bohrers hat sich die Qualität des Ebenholz dann auf eine ganz unerwartete Weise bemerkbar gemacht. Das Holz ist so hart, dass es auf der Stegoberfläche sofort splitterte – einige Späne flogen umher, obwohl ich den Bohrer wie sonst auch vorsichtig angesetzt und eine niedrige Drehzahl gewählt hatte. Ärgerlich, aber keine Kata-strophe, da der Steg ohnehin noch bearbeitet werden musste. Der Martin-Steg ist zudem im hinteren Bereich deutlich erhöht, dass letztendlich nur einiges an Schleifarbeit anfiel, bis die Vertiefungen und der hölzerne Verschluss für über dem Schraubenkopf angeglichen waren. Üblicherweise glätte ich ohnehin die meisten Stege mit verschiedenen Körn-ungen, bis sie sich richtig schön geschmeidig anfühlen. Bei der Gelegenheit werden auch die Ecken und Kanten verrundet bzw. gebrochen. Hier war reichlich zu schleifen und das harte Holz machte sich durch sehr feinen und recht anhänglichen Staub bemerkbar. Am Ende war der Steg geschlossen und der Holzdübel kaum mehr zu sehen und nicht mehr zu fühlen.

Aktion soweit erfolgreich verlaufen und geglückt? Abwarten …

Das Ergebnis

Der Lackriss, das gelöste Binding und die scharfkantigen Bundenden gehörten bereits der Vergangenheit an. Der Steg wurde entsprechend bearbeitet und geschliffen, und die scharfen Ecken und Kanten v. a. im Bewegungsaradius der Spielhand wesentlich entschärft. Griffbrett war gereinigt und geölt. Die Lack wurde ganz zum Schluss noch richtig durchpoliert und versiegelt. Sattel & Stegeinlage habe in diesem Fall nicht angetastet.

Die Hauptaktion aber war die Montage des Bridgetruss, um die Wölbung der Decke und den nach vorne gekippten Steg zu begradigen. Von der handwerklichen Seite her musste der Bridgetruss verändert bzw. gekürzt werden, damit ich ihn in der flachen OM aufrichten konnte. War ein bißchen knifflig, ging am Ende aber. Der Holzdübel ist oben noch zu sehen, weil ich ihn gerade eingefärbet hatte, im Endeffekt fiel er so gut wie gar nicht auf.

Von der konstruktiven Seite her schien der Bridgetruss eher ein Reinfall zu sein. Es stellte sich nämlich heraus, dass – völlig anders als bisher üblich – sich die Deckenwölbung mit Aufziehen der Seite wieder ihrem alten Zustand näherte. Ich hab’s immer wieder getestet und den Bridgetruss unterschiedlich gespannt, aber die Decke wollte partout nicht, wie sie sollte. Zunächst herrschte in meinem Kopf eine gewissen Ratlosigkeit. Am Ende, wenn nach Mr. Spock die logischen Möglichkeiten erschöpft sind, bleiben nur noch die unmöglichen übrig.

Die Sache ist höchstwahrscheinlich folgende: diese OM bzw. die Konstruktion hat sich nicht im Lauf der Zeit durch Temparatur- und Witterungseinflüsse verändert. Sie wurde so gebaut, wie sie ist. Dafür spricht auch noch, dass diese OM 40 K Limited recht lange nicht verkauft wurde, vielleicht ist sie eines dieser „Montagsmodelle“. Im Normalfall bringt ein Bridgetruss die Veränderung zurück in den ursprünglichen Zustand und sorgt dauerhaft dafür, dass dieser auch so bleibt (ganz nebenbei ist der Bridgetruss eine ziemlich geniale Erfindung und nicht ohne Grund hat die Fa. JLd ihn patentieren lassen). Hier war der ursprünglichen Zustand sozusagen schon die Veränderung. Also zwingt der Bridgetruss die Decke sozusagen aus ihrem natürlichen Zustand heraus in einen unnatürlichen – und die wehrt sich.

Eigentlich mehr nach dem Motto „schaden kann’s nicht“ habe ich den Tonrite© noch eine ganze Zeit in verschiedenen Intensitäten einwirken lassen.

Trotz allem eine erfolgreiche Intervention!

Um eine positive Veränderung festzustellen, musste Martin seine Martin wieder in die Hand nehmen und spielen. Jetzt, nach einigen Wochen zeigt sich Folgendes:

  • Martin nimmt die OM 40 K Limited immer öfter in die Hand und die alte Spielfreude stellt sich wieder ein
  • die Decke hat sich gesetzt und der Steg ist weitgehend gerade
  • die Saitenlage ist in den höheren Lagen spürbar niedriger als vorher
  • der Klang hat in keiner Weise gelitten
  • ganz im Gegenteil entwickeln sich die Töne etwas fokussierter, Manche nennen es auch „bessere Projektion“
  • beim Lagenwechsel machen sich die verrundeten Bundenden sehr positiv bemerkbar
  • die Kanten des Steges stören nicht mehr

… die Martin wird von Tag zu Tag besser …“ So gesehen hat sich die ganze Aktion gelohnt, die gesamte „Performance“ hat sich verbessert, und das war schließlich Sinn und Zweck. Ein weiterer Nebeneffekt: Martin und ich stehen seitdem in persönlichem Kontakt, und mittlerweile drehen sich unser Gespräche längst nicht mehr nur um das Thema Gitarre.

Stimmt so …