Innenleben

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Eine Gitarre zu bauen, ist zugleich ein Handwerk und eine Kunstfertigkeit. Das Zusammenwirken der unterschiedlichen Bauteile und deren Funktion erst ergibt ein `lebendiges´ Instrument, das im Ganzen mehr ist, als nur die Summe seiner Teile. Die verschiedenen Bauteile so zusammen zu fügen, dass sie am Ende eine passgenaue und haltbare Konstruktion ergeben, erfordert Einiges an handwerklichem Wissen und Kenntnissen. Die Beschaffenheit und Eigenheit verschiedener Holzarten und deren Einfluss auf den `Klang´ ist noch eine andere Sache.

Wird Holz auf die eine oder andere Art in Schwingung versetzt, bleibt hörbar das übrig, was an Schwingungen aufgrund der Materialstruktur weitergegeben werden kann. Damit `macht´ Holz keinen Klang, sondern verhindert ihn genau genommen. Bestimmte Frequenzen werden nicht, oder nur zum Teil, nach Außen weiter gegeben. Holz hat also in erster Linie die Eigenschaft, bestimmte Frequenzen zu unterdrücken – die Dämpfung. Diese Dämpfungseigenschaften machen sich Instrumentenbauer/-innen zu nutze, indem sie diese mit Hilfe konstruktiver Merkmale beeinflussen und unterstützen. Somit kommt der Qualität und den spezifischen Eigenschaften der unterschiedlichen Holzarten eine besondere Bedeutung zu.

Beim Zusammenbau geht es darum, dem Klangkörper und v.a. der Decke sowohl Stabilität als auch Flexibilität zu verleihen. Die Decke soll möglichst frei schwingen und gleichzeitig nicht durch den Saitenzug zerissen werden. Das erreicht man mit dem sog. Bracing, der unterschiedlich geformten Beleistung im Inneren des Korpus. Vom Firmengründer und Namensgeber C.F. Martin wurde im vorletzten Jahrhundert das kreuzverleimte „X-bracing“ entwickelt, das weit verbreitet ist.

Eine der verbreitetsten Varianten ist das „scalloped bracing“, bei dem die Beleistung wie bei einer zweisäuligen Hängebrücke ausgespart wird. Viele Gitarrenbauer haben es immer wieder etwas verändert und weiterentwickelt, und v.a. die großen bekannten Namen und Hersteller versuchen, mit eigenen Varianten der Konkurrenz eine Nasenlänge, oder auch mehr, voraus zu sein.

Andy Powers, Meistergitarrenbauer bei Taylorguitars©, hat jüngst das V-Bracing entwickelt. Inspiriert wurde er von der Wellenentstehung in der Brandung, die er, als alter Surfer und `Surfbrett-Tuner´, wieder einmal andächtig beobachtet hatte. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll es in den verschiedenen Baureihen Anwenung finden.

Es gibt einige Hersteller, die bei verschiedenen Modellen oder Serien auf Bracing-Varianten zurückgreifen, die vor 1945 üblich waren und heute als „pre-war-bracing“ erneut Beachtung finden. Die Gitarre auf den Abbildungen verfügt über ein konventionelles Bracing, das auf der Rückseite stärker ausgeprägt ist, als auf der Decke, die mit ihren Schwingungen den eigentlich Ton produziert.

Die Schwingungen einer Gitarrendecke lassen sich nicht nur hören, sondern bei ihrer Entstehung durchaus auch betrachten. Materialien wie Sand, Schwarzpulver oder Mehlschrot wurden auf die Klangkörper aufgebracht, um Schwingungsmuster sichtbar zu machen. Wird der Klangkörper in Schwingung versetzt, gruppieren sich die Partikel zu Linien, dichten Ansammlungen und Figuren. Nach dem Erfinder E.F.F. Chladni (1787) nennt man diese Muster „chladnische Klangfiguren„. Heutzutage lassen sie sich holografisch sichtbar machen (https://de.wikipedia.org/wiki/Chladnische_Klangfigur), um den Einfluss und die Wirksamkeit verschiedener Bracings zu  untersuchen. Das kann übrigens jeder selbst ausprobieren, z.B. mit Salz, Zucker oder was die Küche sonst hergibt. Vogelsand geht auch, normales Mehl würde ich lieber nicht nehmen …


Apropos Schwingungen: wenn die Saiten korrekt aufgezogen werden, sieht’s von unten so aus – die Ballends sitzen direkt unter der Stegplatte (Bridgeplate) vor den Saitenpins. Hängt eine Saite zu weit nach unten heraus, weil sie zu `früh´ vom Pin verklemmt wurde, hört man mitunter zusätzliche Schwingungen, die nicht direkt vom Anschlag herrühren. Das kann eine Art von „Sirren“ oder „Nach-Vibrieren“ sein, dass sich nur schwer indentifizieren lässt, weil der Ton erstmal aus keiner bestimmten Richtung kommt. Manchmal klingt es, als würde eine Saite auf bzw. an einem Bund vibrieren. Wenn also mal so ein undefinierbares `Geräusch´ auftaucht, Saitenenden nochmal nach oben durchziehen …

Generell lohnt sich bei älteren Gitarren ein Blick auf die Bridgeplate. Genauer gesagt, muss man mit den Fingern die Oberfläche der Holzplatte erfühlen, um mögliche Beschädigungen festzustellen (siehe  3. Sattel – Stegeinlage – Steg). Wie auch unten auf dem Foto zu sehen, sind beim Durchbohren häufig ganze Späne herausgerissen. Mit einem Spiegel lässt sich gut erkennen, ob die Stegplatte noch einige Zeit durchhält, oder ob weitere Maßnahmen erforderlich sind. Vor allem bei älteren Modellen beginnen die Saiten nicht selten sich durch die Bridgeplate zu arbeiten.

Ballends


Am Beispiel „Bracing“ sieht man denn auch den Einfluss der persönlichen Erfahrungen der Gitarrenbauer sowohl in der Massen-, als auch in der Kleinserienproduktion. Interessierte können im Netz z. B. mal nach „guitar bracing“ suchen und … staunen.

Ein weiteres, qualitatives Merkmal ist das sog. laminierte oder das massive Holz. Laminiertes Holz oder Schichtholz ist eigentlich unter der wenig rühmlichen Bezeichnung „Sperrholz“ geläufig. Nicht von ungefähr erinnert sich manch Einer bzw. manch Eine an die früheren Laubsägearbeiten in der Schule. Damit hat das laminierte Holz im Gitarrenbau wenig gemein. Holz zu laminieren ist zunächst eine Möglichkeit, ihm eine gute Stabilität (z.B. gegen den Saitenzug, der auch mal 80-90 kg betragen kann) zu verleihen, in dem drei Holzschichten über Kreuz versetzt (gesperrt) mit einander pressverleimt werden. Unten sind die Kanten einer laminierten Zarge und einer laminierten Rückseite, mit der typischen Struktur, abgebildet (siehe auch 6. Vollmassiv oder laminiert – woran erkenne ich das?).

Gitarren, die z.B. größere Temperatur– und Feuchtigkeitsunterschiede in sehr kurzen Zeiträumen (z.B. Liveauftritte mit großem Publikum oder in kleinen, schlecht durchlüfteten Veranstaltungskellern) aushalten müssen, reagieren hier weniger empfindlich, als eine vollmassive Gitarre, die aus einem warmen Raum in die winterliche Kälte getragen wird. Andererseits klingen massive Decken oder vollmassive Gitarren detailreicher und nuancierter … und sie entwickeln ihren Klang im Lauf der Zeit weiter, wenn sie regelmäßig und über möglichst alle Lagen gespielt werden.

Einer der großen Irrtümer, die bei Auktionen und Privatverkäufen immer wieder auftreten, ist die `Verwechselung´ von laminierten mit massiven Decken – meistens durch Unkenntnis verursacht. Eigentlich sind beide Varianten mit einem Blick auf den Rand des Schalloches leicht zu erkennen. Bei einer massiven Decke `zieht´ sich die Maserung über den Schallochrand in das Innere, was ja auch logisch ist. Bei einer laminierten Decke sieht man sozusagen auf die offene Kante der drei Schichten Holz und damit von vorne auf die Holzfasern, die als Punkte erscheinen (siehe auch Worauf sollte ich achten?) oder bei schlechter Verarbeitung manchmal wie angefressen wirken.

Oben ist der Schallochrand einer laminierten Yamaha FG 440-12 aus mehreren Perspektiven zu sehen, unten zwei massive Fichtendecken mit Blick auf den Schallochrand und den Querschnitt. Links sieht man vor allem am Bracing eine recht nachlässige Verarbeitung. Das wurde später korrigiert …

Die Zarge, der Rand des Korpus, ist bei der Klangerzeugung zunächst von eher untergeordneter Bedeutung und dient in erster Linie der Stabilität. Das Komplizierte an der Zarge ist das Biegen. Das Holz wird mit einem entsprechenden Rahmen und diversen Spannern in Form gezwungen, unter Einwirkung von Wärme und mitunter auch Feuchtigkeit. Es gibt auch Zargenbieger, ein Gerät mit einem Edelstahlzylinder, der erhitzt werden kann und über den der Zargenstreifen langsam hin und her gezogen und in eine annähernde Form gebracht wird, bevor man ihn in den Rahmen setzt.

Um eine ausreichende große Leim- und Stützfläche zu bieten, werden innen sog. „Reifchen“ gesetzt. Im Grunde genommen ist das eine lange Holzleiste, die so oft eingesägt, also geschlitzt wird, dass sie gebogen werden kann. In der Massenproduktion sind sie die Regel. Die `kleinen´ Gitarrenbauer verwenden nicht selten eine Vielzahl von einzelnen Klötzchen anstelle der Reifchen, und setzen den Zargenstreifen nach dem Vorbiegen so in den Rahmen, dass er nur durch den eigenen Druck nach Außen in Form gehalten wird. Dadurch werden unliebsame Spannungen, die sonst durch das Auseinanderdrücken der Zarge entstehen, vermieden. Das macht sich in der Qualität bemerkbar, aber natürlich auch im Preis. Für die `industrielle´ Fertigung ist das allerdings viel zu zeitaufwendig.

Da die grundlegenden konstruktiven Merkmale einer akustischen Gitarre im Wesentlichen feststehen, unterscheiden sich diese Merkmale von Hersteller zu Hersteller nicht so deutlich, wie es manche Werbung glaubhaft machen möchte. Dies gilt vor allem für die Consumer-Klasse. Einen größeren Einfluss auf die Kaufentscheidung haben da vermutlich die Anbauteile und ihre Qualität, wie z.B. Mechanik, Sattel und Stegeinlage – und natürlich der Name!


Jede Westerngitarre verfügt so auch über einen Einstellstab im Hals (Trussrod), um den Zug verschiedener Saitenstärken auszugleichen und dem Hals seine korrekte Krümmung wiederzugeben. Mehr aber nicht! Die Saitenlage wird darüber nicht eingestellt (auch wenn dies immer wieder gemacht wird), weil sich die Veränderung der Halskrümmung automatisch auf die Mensur und damit die Oktavreinheit auswirkt.

Es gibt eine Grundeinstellung für den Gitarrenhals. In diesem Fall sollte die Halskrümmumg leicht konkav, also nach oben (up-bow) zeigen. Im Bereich der ersten 3 oder 4 Bünde ist eine minimale Krümmung nach oben zu erkennen. Der so oft beschriebene „schnurgerade“ Hals ist streng genommen ein Einstellungsfehler.

Auf den folgenden Fotos sind eine konvexe und eine konkave Halsstellung zu sehen. Einmal bildet sich ein Luftspalt in den obersten, einmal in den mittleren Lagen. Im Normalfall wären Saiten aufgezogen.


Die Alleinstellungsmerkmale eines Herstellers oder einer Modellreihe machen sich n. m. E. vor allem in zweierlei Hinsicht bemerkbar. Zum Einen sind es optisch-konstruktive Details, die sich teilweise auch am Einsatzzweck orientieren und natürlich in der Preisgestaltung wiederfinden. Dazu gehören z.B. Art und Beschaffenheit des Bindings oder der Kunstoff- bzw. Abalone-Einlagen auf Kopfplatte oder Decke (s.u.).

Schalloch-Bracing (1)
Kein teures Abalone, aber immerhin mehrlagiges Kunstoff-Purfling am Schalloch

Zum Anderen sind es die Sorgfalt und die Qualität beim Zusammenbau – und da trennt sich die Spreu vom Weizen. Stehen in der Massenproduktion jede Menge Mitarbeiter neben der automatischen Fertigungsstrasse und führen die immer gleichen Bewegungen und Handgriffe aus, sieht es bei den Top-Marken und den wirklich hochwertigen Produkten ein bißchen anders aus. Ausgebildete Instrumentenbauer fertigen nicht selten das komplette Instrument bis hin zum Aufziehen der Saiten und dem Stimmen. Die technische Fertigung ersetzt nicht, sondern ergänzt den Mitarbeiter. In Tateinheit mit einer sehr guten bis exzellenten Qualität von Holz und Hardware kommen so Endpreise bis zu mehreren tausend Euro, und auch weit darüber, zustande. Gleiches gilt für die `kleinen´ Gitarrenbauer, die überwiegend regional und überregional bekannt sind und Gitarren auf Anfrage anfertigen.

Aber es geht auch mit deutlich weniger. Zwischen 200 und 500€ gibt es jede Menge brauchbare und für die Preisklasse sehr gute Gitarren. In den letzten Jahren sind die Modelle optisch immer interessanter und attraktiver geworden und es gibt alle möglichen Korpusformen. Letztendlich kommt es nur auf ein einziges Kriterium wirklich an – den subjektiven Spaß am Spielen!

Stimmt so …