3. Beschreibungen und Verkaufsargumente, die …

Die durch den Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht!

… keine sind!

IMG_1106

Eines gleich vorneweg: alte Saiten machen keinen Sound!

Beliebte Statements wie „…ich habe einen Kollegen, der seit Jahren Gitarre spielt und er hat gesagt, meine klingt und spielt sich besser als seine teure XY-Oberklassegitarre...“ sind rein subjektive Eindrücke. Nach meiner Erfahrung kommen sie vor allem dadurch zustande, dass die Saiten nicht gewechselt werden. Besteht die Besaitung nur noch aus stumpfen und korrodierten Drähten, so wie auf dem folgenden Foto, klingt so ziemlich jede andere Gitarre mit neuen Saiten lebendiger und musikalischer.

Gitarren lassen sich sinnvollerweise nur dann miteinander vergleichen, wenn wenigstens die Saiten neu sind, sonst kommt da sowieso nichts heraus, dass man als Klang bezeichnen könnte. Werden völlig unterschiedliche Fabrikate verwendet, am besten noch mit einem großen Preisunterschied, entfernt sich auch die nächste Vergleichsmöglichkeit still und leise! Die Saitenstärke spielt ebenfalls eine Rolle, ein .011er Satz klingt logischerweise nicht ganz so voluminös wie ein .013er Satz. 

Ein weiterer Faktor ist ebenfalls nicht ganz unbedeutend – die Halskrümmung. Es ist an der Tagesordnung, bei einer neu erworbenen Gitarre erstmal den Inbusschlüssel mit dem Halsstab (Trussrod) bekannt zu machen, um mit ein paar beherzten Drehungen für eine „…gute Performance…“ zu sorgen. Der Hals wird soweit wie möglich nach hinten geschraubt, auch wenn die Saiten bei der kleinsten Schwingung anschlagen. Dazu kommt das Märchen vom `schnurgeraden´ Hals und dem angeblichen Saitenabstand von 1,5 – 2mm, den eine Gitarre im 12. Bund haben muss(!), ob’s nun realistisch ist oder nicht. Und so werden nicht nur die Sattelkerben auf das `richtige´ Maß `runtergesägt; wenn man schon dabei ist, kann man die Höhe der Stegeinlage auch gleich mal um 1/3 oder mehr reduzieren. Damit geht der „string break angle“ verloren, der Winkel, mir dem die Saite hinter der Stegeeinlage abrupt nach unten gezogen wird.

Noch ein Millimeter, und die hohen E-Saiten sind `freischwebend´, man kann sie dann hin- und herschieben …

Null-Steg (4)
… und sogar abheben!

Danach muss schön verhalten und leise gespielt werden, damit’s nicht dauernd schnarrt. Das geht natürlich auf Kosten von Anschlagdynamik und Klang. Es ist nicht nötig, immer gleich `reinzuhacken, aber die Impulse sollten an unseren Ohren schon mit einer gewissen Lautstärke ankommen. Andernfalls sind wichtige Frequenzbereiche unterrepräsentiert oder fehlen, die unser Gehirn für die Identifizierung eines bestimmten Klangeindruckes benötigt.

Jede Art von Vergleich erübrigt sich somit also!

Solche oder ähnliche Aussagen machen erstmal nur eines – nämlich nichts aussagen. Wenig hilfreich sind auch Einschätzungen von Personen, denen offenbar genau dazu die Fähigkeit fehlt. Besonders schön fand ich folgenden Hinweis: ‟…Neuwertige Gitarre…Vor 1,5 Jahren gekauft…hing die meiste Zeit an der Wand…Sehr voller reichhaltiger Klang. Die Originalbesaitung ist noch drauf… Klingen auch jetzt noch gut…mit einem neuen Saitensatz wird sie aber wieder richtig lebendig…”

Und wie die lebendig wird! Saiten müssen regelmäßig erneuert werden, da sie korrodieren und immer dumpfer klingen. Nach spätestens 2-3 Wochen intensiven Spiels zu Hause sind die Saiten hinüber. Steht die Gitarre einige Monate in der Gegend herum, hat sich das Thema „super Klang“ längst von alleine erledigt. Bei einer Baton Rouge Blue Moon war ich mal erstaunt, dass die Saiten nach monatelanger Standzeit unter einer Abdeckung noch Sound und Sustain hatten. Selbst bei der Aufbewahrung im Koffer ist das nicht selbstverständlich.

Nicht selten kann man davon ausgehen, dass bei Gitarren, die als so etwas wie `generalüberholt´ angeboten werden, nur oberflächliche Kosmetik betrieben wurde. Dann steht z. B. ein Zusatz wie „…gestern neue Saiten der Marke XY aufgezogen…damit ihr sofort…loslegen könnt…“ oder es steht zu lesen „…saubergemacht, Griffbrett geölt und Bünde poliert…“ (was üblicherweise in die Rubrik „Pflege“ fällt).

Neue Saiten sind nur dann ein Verkaufsargument, wenn sie exorbitant gut, besonders oder teuer sind. Auf eine 150€-Anfängergitarre Saiten für 30€ aufzuziehen, steht m. M. n. in keinem vernünftigen Verhältnis zum Instrument. Dafür ist es abgrundtief unseriös, eine angeblich neuwertige Gitarre mit alten oder gar rostigen Saiten zu verschicken. Das Verhältnis ist also entscheidend und sollte entsprechend gewahrt bleiben. Besonders entgegenkommende Zeitgenossen überlassen dem Käufer die Auswahl („Ich habe keine neuen Saiten aufgezogen, da ja jeder seine eigenen Vorlieben hat…“) und verschicken die Gitarre mit den alten Drähten. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt!

Andererseits, wenn die Saiten eines der Hauptargumente sind, hat der Besitzer entweder

1. keine `Ahnung´, also tiefere Kenntnis der Materie…

2. es ist ihm/ihr eigentlich egal, das Ding soll endlich weg, oder…

3. es gibt nicht wirklich bessere Verkaufsargumente.

Also müssen wir uns eben selbst darum kümmern!

Herunterspielen und Verharmlosen…

Im Laufe der Zeit sind Gebrauchsspuren nahezu unvermeidlich, denn Gitarren sind ein Gebrauchsgegenstand und haben ohne regelmäßige Pflege eine eher begrenzte Lebensdauer. Ohne entsprechende Pflege dörrt das Holz von Griffbrett und Steg aus, wird hell und spröde. Im Extremfall schrumpft das Griffbrett und die Bundenden stehen etwas über; das allerdings ist dann auch ein Alarmsignal!

Trocknen Resonanzboden und Decke aus, zieht sich das Holz aufgrund der fehlenden Feuchtigkeit zusammen, es schrumpft also ebenfalls. Dadurch verlieren beide mehr und mehr ihre Wölbung und im Extremfall bilden sich erst Lack- und dann Trockenrisse. Risse in der Decke und andere Schäden an Decke, Boden oder der Zarge werden gerne untermalt mit Kommentaren wie „…hat aber seitdem keinen Einfluss auf den Klang oder das Spielverhalten…“. Kaputt ist erstmal kaputt und muss repariert werden!

Ein Einfluss, mindestens auf die Statik der Gitarre, ist immer vorhanden, auch wenn sich manche Singer-Songwriter nicht darum kümmern und ihre Martins auf der Bühne regelrecht zerschreddern und zerspielen. Das sind Ausnahmen und solche Leute leben und arbeiten in anderen Sphären. Für sie ist die Gitarre ein Arbeitsmittel, ein Werkzeug, mehr nicht. Für uns gelten in der Regel andere Kriterien. Lackrisse sind nicht so dramatisch, können aber ein Hinweis auf einen (kommenden) Holzschaden sein und sollten repariert werden, da der schützende Decklack an dieser Stelle offen ist. In beiden Fällen ist da etwas nicht in Ordnung!

Eine Gitarre mit einer deutlichen Halswelle (warped neck, hump) muss zur Hälfte zerlegt und nach dem Abrichten des Griffbrettes wieder zusammengebaut und neu bundiert werden. Die Reparaturkosten bewegen sich, wenn die Reparaturen wirklich fachgerecht ausgeführt werden, leicht in der Größenordnung für ein neues Instrument. Meistens entsteht ein Hump direkt vor dem Korpus und macht sich dadurch bemerkbar, dass ab dem 9./10. Bund aufwärts gedrückte Saiten am Korpusübergang auf ein Bundstäbchen aufschlagen. Entweder, es gibt aufgrund des Schnarrens keinen klaren Ton mehr, oder er verändert sich nicht mehr. In leichten Fällen lässt sich das Problem vielleicht beheben, wenn die Bünde hinter dem Hump, also auf dem Korpus, soweit ‚runter geschliffen werden, dass sie nicht mehr (so) stören. Kann funktionieren…oder auch nicht (siehe Worauf soll ich achten).

Mehr als nur ein „Knick in der Optik“!

Tiefe Mulden im Griffbrett (Worauf soll ich achten), vor allem in den ersten 5 Lagen, erfordern ebenfalls ein Abrichten des Griffbrettes, ebenfalls mit anschließender Neubundierung! Eine zeitlang lässt sich vielleicht darüber hinwegsehen. Aber in die Mulde wird die Saite tiefer gedrückt, als vorgesehen – also auch stärker in die Länge gezogen – und die Oktavreinheit (“bundrein“ sind maschinell gefertigte Massenprodukte ohnehin) ist dahin. Es verschiebt sich der Abstand zwischen dem Ton der Leersaite und der gedrückten Saite. Der Effekt ist, vor allem bei Akkorden, dem eines instabilen oder verdrehten Halses nicht unähnlich. Es klingt `schief´.

Hier stammen die `Ausgrabungen´ vermutlich von langen Fingernägeln, da sie überwiegend zwischen den Saiten liegen. Die Bundstäbchen haben deutliche Kerben.

Für deren Zustand gilt ähnliches. Im eigentlichen Sinne sind es auch keine `Stäbchen´, sondern ein profilierter, dicker Draht aus sog. „Neusilber“. Das ist eine Legierung aus Kupfer, Nickel & Zink. Dieses Neusilber, mit hoher Korrosionsbeständigkeit, Festigkeit und silberähnlichem Aussehen, wird seit Mitte des 19. Jahrhunderts industriell produziert, vor allem für Tafelbestecke, in der Feinmechanik und Elektronik und – für Musikinstrumente.

Dieses Material ist sehr haltbar und es dauert, bis sich in den Bünden Kerben bemerkbar machen. Leichte Vertiefungen sind i.d.R. nicht dramatisch. Zeigen sich aber deutliche Kerben, müssen die Bünde abgerichtet werden. Das ist dann keine Frage von „Restmaterial“ oder „… da ist noch genügend Fleisch für die nächsten Jahre…„. Sind die Kerben so tief, dass man die Saite nicht mehr problemlos d’rüber hinwegziehen (benden) kann, müssen die alten `raus und eine Neubundierung ist angesagt und zwar sinnvollerweise über die gesamte Mensur!

Ein bißchen Kosmetik mit Griffbrett ölen und Bünden polieren hilft hier schon länger nicht mehr.

Also nicht von billigen Tricks locken lassen!

Stattdessen gezielt nachfragen, was beispielsweise „übliche Gebrauchsspuren“ denn tatsächlich bedeuten. Übliche Gebrauchsspuren hat mein alter Kunststoffteppich trotz Brand- und Kaffeeflecken auch. Schließlich kann ich drauf stehen und er hat noch alle 4 Ecken. Obendrein ist er eine echte Rarität – original handgekauftes 90er Jahre-Vintage-Kult-Custom-Shop-Modell! – denn bei der Qualität und dem Preis dürften alle übrigen Exemplare bereits im Teppichhimmel angekommen sein.

Erweist sich der Anbieter bezüglich einer Antwort als recht unwillig und unkooperativ, lasst es bleiben. Es lohnt nicht einmal, sich darüber zu ärgern (auch, wenn’s schwerfällt), weil es zu nichts führt. Weiterschauen, es gibt immer irgendwo ein gutes und wertiges Angebot!

Desgleichen gilt für blumige Phantasie-Attribute, die nicht sachlich den Zustand beschreiben. Jemand, der/die sein bzw. ihr Instrument kennt, kann auch etwas darüber aussagen und hat Geschwätz nicht nötig. Angebote, die nicht einmal die Modellbezeichnung oder gar den Herstellernamen enthalten, übersehe ich schon aus Prinzip.

Wollt Ihr eine gebrauchte Gitarre kaufen, ist das Beste: direkten Kontakt zum Instrument aufnehmen (die Qualitätsunterschiede und die -streuung sind im Preissegment bis über 1000 Euro mitunter sehr hoch). Ist das nicht möglich, könnt Ihr bei Online-Auktionen zwar Fragen stellen, aber die müssen schon exakt formuliert sein, um eine gewinnbringende Antwort zu erhalten. Eine ehemals teure Guild©-Gitarre wurde versteigert mit unscharfen Fotos und „…langem Kratzer…“ an der Zarge, der ziemlich merkwürdig aussah. Ich habe nachgefragt, und siehe da, ein paar Tage später schrieb der Anbieter, eine Gitarrenwerkstatt habe den „…Kratzer…“ als Riss in der Zarge identifiziert, den man für 70€ reparieren lassen könne, oder besser noch, man mache es selbst(!). Nur – ohne entsprechendes Werkzeug und Know-How war das völlig undenkbar.

Die oben abgebildeten Schäden sind bzw. waren leichter zu reparieren, als ein regelrechter Riss oder Durchbruch in der Zarge.

Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, die völlige Unbedarftheit vieler Anbieter. Mitunter werden sogar Konzert- als Westerngitarren angeboten. Und wie wollt Ihr die tatsächliche Qualität eines sehr preiswerten Instrumentes erfragen. Jemand, der eine solche Gitarre gekauft hat, wird Euch kaum Fragen beantworten können, die über „schwarz„, „Superklang“ und „schön zu spielen“ hinausgehen.

Was Tätigkeiten angeht, die „…man problemlos selbst erledigen…“ kann oder Ersatzteile die „…man im Internet für kleines Geld…“ bekommt: entweder möchte der Anbieter ein funktionierendes Instrument veräußern, dann sorgt er gefälligst vor dem Verkauf selbst für die Abhilfe dieser `Kleinigkeiten´. Vielleicht hat er/sie sich sowieso nie darum gekümmert und will nur seinen/ihren Krempel schnell loswerden oder ist selbst nicht in der Lage, den Kleinigkeiten abzuhelfen. Dann ist das Instrument nicht vollständig oder sogar defekt und es gibt Punkteabzug, Punkt!

Gitarren, die an „…Bastler…“ adressiert oder als Ersatzteillager deklariert werden, haben offensichtlich schon den aktuellen Besitzer überfordert. Ein Anfänger oder Aufsteiger sollte definitiv die Finger davon lassen, oder tunlichst jemand kennen, der so ein Restinstrument nicht nur mit freudigem Optimismus in die Hand nimmt. Das kann dann auch schon mal Geld kosten!

Andererseits ist auch klar, dass niemand Lust hat, nach Einstellen des Angebotes ein Dutzend `Fragebögen von unbedarften Käufern für den sicheren Erwerb einer Gitarre´ auszufüllen und zu mailen. Aber mit ein bisschen Geduld und Suche findet man im Internet Websites von Fachleuten, Gitarrenbauern, Werkstätten, Händlern für Instrumente oder Zubehör, deren Information Ihr zusammentragen könnt, und nach und nach ergibt sich ein `Bild´, mit dem Ihr Euch auf den (Gebraucht-) Kauf vorbereiten könnt, das entsprechende persönliche Engagement vorausgesetzt. Habt Ihr dann noch gezielte, sachliche Detailfragen, erst dann versucht’s in einem der Gitarrenforen.

Richtig! Das kostet Zeit und etwas Mühe. Die schnelle Bedürfnisbefriedigung aber sagt `Ich will alles und zwar sofort!‘  Was immer Ihr macht – die Entscheidung liegt bei EUCH!

Stimmt so …

Nächstes Kapitel: „Die sind gut – Prioritäten setzen“