2. Von Binsenweisheiten, Viertelwissen und Geschwätz!

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Die Beschaffung – vorher nachdenken!

 

Als Gitarren-Anfänger oder –Aufsteiger ist man in der Zwickmühle. Man versucht logischerweise, das Risiko trotz der eigenen Unkenntnis zu minimieren, erst recht, wenn die finanziellen Mittel sehr begrenzt sind. Gar nicht so einfach! Lasst mich also ein bißchen ausholen und in diesem Kapitel zunächst mal die Fallen ansprechen, die an allen möglichen Stellen für uns bereitliegen. Ich erwähne an dieser Stelle noch einmal, dass wir uns hier gedanklich im Ein- und Aufsteigerbereich aufhalten, also in einem Preissegment von etwa 200€ bis ungefähr 600-700€ Neupreis.

Eine gute Möglichkeit ist doch eine gebrauchte Gitarre aus dem Internet. Klasse Bilder, super Beschreibung, und in der `Künstlerbewertung´ stehen 100% und der Kommentar „Sehr netter Kontakt, alles problemlos, danke, gerne wieder…“ etc. Nur – wir waren nicht Teil der Geschichte, und leider haben wir die verkaufte Ware weder gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt. Die Bewertungen, und seien sie auch noch so positiv, sind nur ein grober Anhaltspunkt – mehr nicht!


Und falls ich es nicht schon an anderer Stelle erwähnt haben sollte, hier ein Hinweis gleich zu Beginn: nicht jeder Mitarbeiter oder Verkäufer in einem Musikgeschäft bzw. in dessen Werkstatt ist automatisch ein „Gitarrenbauer“. Das sind in der Tat die Wenigsten! Gitarrenbauer bzw. Instrumentenbauer sind ausgebildete Handwerker mit der Fähigkeit, eine Gitarre von Grund auf zu konstruieren und/oder herzustellen. Längst nicht jeder Händler arbeitet mit so jemandem zusammen oder kann ihn bzw. sie einstellen. Nach meiner Erfahrung sind es überwiegend „Gitarren-Techniker“, häufig junge Leute, die sich aufgrund ihres Interesses autodidaktisch in das Thema eingearbeitet haben, manche mehr, manche aber auch weniger.

In Anzeigenbeschreibungen werden gerne mal vermeintliche Gitarrenbauer herangezogen, um die Preisvorstellung zu untermauern oder die Qualität der Gitarre zu beweisen. Formulierungen wie „…ein Gitarrenbauer hat die Gitarre auf 500,- geschätzt…“  oder „…Mein Gitarrenbauer sagt, die XY klingt wie eine Martin…“ oder „…mein Gitarrenbauer hat an der Gitarre dies und das gemacht…“ klingen natürlich wahnsinnig kompetent, und wer möchte schon schreiben „Ich kenn‘ da so’n Typen, der hat Ahnung…“. Also – nicht blenden lassen, lieber konkret nachfragen.


Geht mal spaßeshalber zu einer bekannten Online-Auktionsseite oder sucht in kostenlosen Kleinanzeigen „Westerngitarre, neu oder gebraucht, bis 250 €'“. Klasse Verkaufs-Attribute wie „wunderschön“, „toll“ und „super Klang“ könnt Ihr da finden; „edle“ und „beste Hölzer“, „hochwertige Gitarre“ oder garantiert „original Handarbeit“ wird auch gerne genommen. Komplett laminierte Gitarren und alte „Schätzchen“ sind natürlich „…sehr hochwertig…“ . Es gibt sogar Gitarren, die sich „…wunderbar geöffnet…“ haben und selbstverständlich genügen sie alle „…professionellen Ansprüchen…„.

Werden eigentlich auch tolle Autos oder wunderschöne Handys & CDs angeboten?! „Biete wunderschöne Schlagbohrmaschine, liegt toll in der Hand“ oder„toller Kühlschrank, steht wunderschön in der Ecke“ hab‘ ich jedenfalls noch nie gelesen.

Wie wär’s denn mit „Biete hochwertiges Auto, original handgemacht, toll zu parken…“ oder „Schöne, runde CD zu verkaufen, handgemachte Musik d’rauf…“.

Es geht aber auch einfacher und simpler mit „Gitarre zu verkaufen, 6 Saiten, übliche (?!) Gebrauchsspuren„, am besten noch mit einem miserablen Handy-Foto, im Halbdunkel und in schlechter Auflösung oder unscharf. Manche Teile werden mit diversen kleinen oder großen Macken offeriert, haben definitiv einen oder mehrere Schäden oder auch Risse im Holz „…die selbstverständlich den Klang und die Bespielbarkeit in keiner Weise beeinträchtigen…“.

Schön finde ich auch die Gitarren, deren Gebrauchsspuren nur aufgrund der unbändigen Spielfreude des Besitzers entstanden sind, denn die Gitarre wurde  „…schließlich mit Leidenschaft…“ gespielt. Am Ende stellt sich aber nur eine einzige Frage: wieviel Gitarre ist noch übrig, nachdem die Leidenschaft abgeklungen ist?!

 

Wie’s scheint, hat die Gitarre links die Leidenschaft geradezu körperlich erfahren: ein Teil der Decke ist nach oben herausgebrochen bzw. -gedrückt, die Gitarre hat folglich an dieser Stelle einen heftigen Schlag auf die Zarge bekommen. In der Beschreibung stand zu lesen, dies sei „…aber nur eine optische Sache, denn der Klang oder die Spielweise wird nicht beeinträchtigt…“ und dass „…der Riss beim Spielen gar nicht auffällt…“.

Man stelle sich vor, jemand würde in einer Auto-Annonce schreiben: Die hintere linke Tür schleift ein bißchen über die Straße und das rechte Hinterrad steht quer, aber das ist nur eine optische Sache, das Gasgeben wird dadurch gar nicht beeinträchtigt…

Rechts daneben ging die Leidenschaft wohl noch einen Tick weiter: „… Top Gitarre selten…Wunderschöne…Gitarre Vollholz Fichte/Palisander. Exzellente Bespielberkeit und herausragender Klang…Die Gitarre ist in einem dem Alter entsprechend guten Zustand…siehe Bilder!“ Überhaupt werden Gitarren dieses Herstellers zu beliebten Spekulationsobjekten, je älter sie sind – mit entsprechenden Preisvorstellungen, versteht sich. Hier eine Kostprobe: 4 x Yamaha FG und ein „…wunderschönes…“ Modell der „Compass“ – Serie, die kaum weniger begehrt ist, als die APX-Serie. Ge-wunder-t habe ich mich in der Tat …

 

Alle Gitarren haben harte Einsätze hinter sich oder sind vermutlich in irgendwelchen Ecken oder Kellern `rumgeflogen – hier die Beschreibungen mit, teilweise hanebüchenen, Behauptungen: 3 x Yamaha

„Heißgeliebte…“ Gitarren werden auch „…gerne gespielt…“ und dann angeboten. Im Zweifelsfall haben Besitzer oder Besitzerin also die Gitarre abends mit ins Bett genommen? Diese Liebe scheint mir nicht wirklich übertragbar und mit dem Trennungsschmerz muss jeder selbst klar kommen.

keine Pins mehr
Trennungsschmerz der etwas anderen Art …

Fehlt ein bekannter Name auf der Kopfplatte und dem Aufkleber, oder eigentlich alles – dann lässt sich immerhin noch eine “Qualitätsgitarre“ anpreisen. Und wer möchte nicht gerne echte Qualität kaufen?

Eine von feinen Kratzspuren übersäte Westfield-Gitarre erhielt u.a. den Zusatz, sie habe Gebrauchsspuren und sei ohne Risse und Schäden, aber „…es gibt ja immer Leute, die was zu meckern haben…“. Na bravo, da beschwert sich schon im Vorhinein ein Anbieter über eine kritische Betrachtung seiner ramponierten Ware.

Wagen wir einen Blick auf eine einigermaßen zerkratzte Rückseite. Derartige tiefe Schrammen entstehen meistens durch den Gebrauch großer Gürtelschnallen oder ähnlicher Mode-Accessoires, oder weil sie auf dem Rücken irgendwo hin- und hergeschoben werden. Das lässt sich auch nicht mehr herauspolieren. Überschrift: übliche Gebrauchsspuren

 

Hier ist noch eine kleine Sammlung von „…gut erhaltenen…“ und besonders gepflegten Exemplaren…

 

Unübersehbar haben all diese Gitarren noch das entscheidende bißchen „…Vintage-Flair…“! Man muss einfach damit rechnen, dass manche Zeitgenossen unter einer galoppierenden Realitätsflucht leiden – oder nahezu blind sind (siehe auch 2. Von der Unkenntnis zur Realitätsflucht). Anders kann ich mir die Beschreibungen kaum erklären.

Aber was bedeutet das jetzt für uns?!

Wenn wir z. B. auf der Suche nach einem neuen oder gebrauchten Auto sind, ist die erste Grenze durch unsere finanziellen Möglichkeiten gesetzt. Dann kommt’s d’rauf an – suchen wir etwas für’s Auge, etwas, das uns von der Form und Farbe her anspricht, geht es um rein praktische Gesichtspunkte, oder legen wir besonderen Wert auf die Ausstattung und die Leistung? Möglicherweise wollen wir auch etwas mit unserem Auto nach außen hin darstellen? Diese Entscheidung ist also oft auch emotional beeinflusst.

Selten aber kommt es vor, dass wir an irgendeinem Tag unvermittelt mit einem Packen Geld in der Hand loslaufen, eine Runde durch die Stadt drehen, bei einem Händler anhalten, das Geld auf den Tisch legen, und ein Fahrzeug `mitnehmen´, weil uns jemand gesagt hat „Kauf den XY, da machste nix falsch!“, oder weil es unbedingt JETZT sein muss. Üblicherweise lassen wir uns bei einer so gewichtigen Entscheidung Zeit, wägen alle möglichen Gesichtspunkte gegeneinander ab und – informieren uns vorher ausführlich. Wir machen Probefahrten, lassen uns vom Händler oder Privatverkäufer alle Details, alle Fehler und Defekte ausführlich erklären. Und wir passen höllisch auf, damit wir für unser Geld einen angemessenen Gegenwert erhalten und mit unserem Kauf nur ja nicht „auf die Nase fallen“!

Und wenn es um das Thema Gitarre geht? Da lesen und glauben wir den größten Unsinn und lassen uns von schönen, aber ziemlich hohlen – und oft völlig falschen – Worten beeinflussen! Denn jetzt wollen wir HABEN, und das möglichst schnell, da machen wir uns doch über so’n bißchen Geschreibsel keine großen Gedanken. Wird schon stimmen, wenn’s da steht. Und außerdem sagen DAS ja ALLE!


Wenn man Gitarrenannoncen mal etwas umformuliert, die Gitarre z. B. durch Gebrauchsmöbel ersetzt und Selbstverständlichkeiten ein bißchen `aufbrezelt´, kommen erstaunlich alberne und unsinnige Beschreibungen heraus, ohne dass der ursprüngliche Sinn verändert wurde. Ich hätte ein paar im Angebot …

„Original handgemachte Küchenzeile von XY zu verkaufen; sie hat die üblichen Gebrauchsspuren, die nach jahrelangem Kochen nicht ausbleiben, die ihr aber Charakter und das gewisse Vintage-Feeling verleihen!“

„Man sieht der Einbauküche an, dass in ihr mit Leidenschaft gekocht wurde, die defekte Abzugshaube und die fehlenden Schubladen sind aber nur äußerlich und beeinträchtigen nicht das Kochvergnügen!“

„Verkaufe meine heißgeliebte Couchgarnitur aus dem Jahr 1998. Sie hat natürlich altersgemäße Gebrauchsspuren und ist nichts für Erbsenzähler. Aber es gibt ja Leute, die immer ‚was zu meckern haben!“

„Dank der wasserfesten Spanplatten und der ausgesucht hochwertigen Kunstoffgriffe an Türen und Schubladen kann diese wischfeste Anrichte stauraummäßig mit wesentlich teureren Kommoden mithalten“

„Die Bretterauswahl war damals absolut kompromisslos! Hier wurde nur verbaut, was einer bestimmten Maserungsrichtung und Qualität entsprach, und nicht wie heute einfach nur wahllos verleimt wird! Der Kinderzimmerschrank besteht aus folgenden edlen Hölzern: Türen: edle Fichte / Schubladenfront: Fichtenholz (Spruce)/ Korpus: MDF-mitteldichte Faserplatte“

„Morris-W-601 Schlafzimmer, 80er Jahre, rar … es ist dieser harzige, cremige Vintagegeruch, den neue Schlafzimmer halt nicht haben…“


Wenn wir also Beschreibungen lesen über das mögliche Objekt unser Begierde, helfen uns nur die weiter, die sachlich formuliert sind. Wir können sie nachvollziehen und dann recherchieren und diese Angaben überprüfen! Alles Andere ist Propaganda!

Stimmt so …

Nächstes Kapitel:  3. Beschreibungen und Verkaufsargumente die keine sind