1. Allgemeinzustand und Qualität

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Das Wichtigste neben der Spielfähigkeit ist natürlich der Klang. Er muss Euch gefallen! Vorausgesetzt, die Saiten können überhaupt noch Klang produzieren. Alte abgespielte, korrodierte oder sogar verrostete Saiten machen eine klangliche Beurteilung erstmal unmöglich. Ihr könnt Euch folglich erstmal nur auf das Äußere konzentrieren.

Alle Nuancen wahrzunehmen, ist einem Anfänger ebenso wenig möglich, wie die Halskrümmung zu beurteilen, da fehlen Erfahrung und geschultes Gehör bzw. Auge (hier auf der Website gibt es dazu weitere Informationen). Aber den optischen Zustand könnt Ihr sehr wohl beurteilen. Manch `guter Zustand´ ist nur solange gut, wie man ihn nicht mit einer anderen Gitarre vergleicht!

Selbstverständlich gilt hier wie auch in der Küche – das Auge isst mit. In den 80ern und 90ern waren in den unteren Preissegementen die klassischen Kombinationen angesagt. Meistens Fichte-Mahagoni oder Fichte-Palisander, manchmal Zeder, seltener Mahagoni oder Ahorn. Die verwendeten Hölzer waren vom Aussehen her oft nicht gerade spektakulär, wenig Auffälligkeiten in der Maserung (ich denke gerade an die DG-Modelle von Fender© oder die `Nato-Gitarren´ von Yamaha©), und viele Gitarren wirk(t)en auf mich geradezu langweilig und unattraktiv).

Seit einigen Jahren experimentieren Hersteller und Gitarrenbauer mit den verschiedensten Hölzern und inzwischen gibt es immer mehr optisch sehr interessante und attraktive Modelle auch in den unteren Preisklassen. Im Zuge von Alternative-Rock plus MTV-Generation und Youtube haben sich Klangqualität und v.a. Aussehen der günstigeren Modelle deutlich verbessert. Die Ästhetik einer sauber verarbeiteten und schön gestalteten akustischen Gitarre kann schon eine sehr starke Wirkung entfalten (die einer `Billigklampfe´ allerdings auch, nur anders herum).

 

Drei Ansichten des Palisanderkorpus einer James Neligan NA60F, mit schöner, dunkler Zeichnung und einem geschmackvollen Ahornbinding. Die NA-Modelle werden leider nicht mehr hergestellt. Sie waren ein schönes Beispiel für eine sorgfältige und saubere Verarbeitung in der Einsteigerklasse zu einem sehr akzeptablen Preis, bei dem auch die Optik und der Klang stimmten.

Der Allgemeinzustand

Der erste Eindruck ist wichtig und mit einem wachen Auge lassen sich direkt einige Details erkennen, die eine Kaufententscheidung maßgeblich beeinflussen können: ist das Objekt der Begierde gepflegt und einigermaßen sauber, oder wird uns ein sog. „vintage“-Instrument angeboten,  dass diese verwegene Bezeichnung vor allem wegen des miserablen Zustandes erhalten hat? Ich habe Gitarren gesehen, die ich nicht mal mit der Kneifzange hätte anfassen wollen … naja, fast nicht …

Häufig ist an diesem Punkt schon Schluss – weil die Saiten sowas von uralt sind, dass jede klangliche Beurteilung ein jähes Ende findet – trotz legendärem vintageundmanweissjadassdieklassesind-Sound. Fast alle Gitarren, auch alte Yamaha-FG‘s mit dem roten (Japan) und dem späteren, schwarzen Label (Taiwan), die mir bisher in die Hand gedrückt oder zugesandt wurden, hatten Saiten aufgezogen, die allesamt zu rostigen Drähten mutiert waren. Von `Klang´ konnte schon lange keine Rede mehr sein; von Holzfeuchtigkeit auch nicht, was zuerst am Griffbrett sichtbar wird (siehe unten).

ausgetrocknetes Griffbrett
Hat seit dem Kauf kein Pflegemittel gesehen …

Übliche Gebrauchsspuren scheint (ähnlich wie die Faulpelz-Beschreibung „Alle Specs im Netz zu finden“) eine beliebte Umschreibung zu sein für: keine Ahnung, hab‘ noch nie richtig hingeguckt … mir doch egal … frag‘ nicht so blöd, sondern kauf‘ … möchte ich lieber nicht so genau sagen! Hier eine kleine Ansammlung…

Ist die Gitarre äußerlich nahezu ohne Blessuren oder in einem für Euch akzeptablen Zustand? Dann geht’s weiter. Jetzt muss Frau bzw. Mann sich auf die bis dahin erworbenen Einsichten und Kenntnisse verlassen (oder selbst einen Satz Saiten dabei haben, aber wer macht schon so’was) und die Spielbarkeit & Funktion antesten.

Ob gebraucht oder neu – lasst Euch nicht nur vom schönen Schein blenden; nehmt ihn wahr, aber achtet vor allem auf den Gesamteindruck und die Verarbeitung – abhängig vom urspünglichen Verkaufspreis natürlich!

Mein erster Blick gehört an dieser Stelle immer dem Schalloch-Rand. Ist er sauber gesägt und verrundet, wie es sich für eine sorgfältige Produktion gehört, oder sieht er aus wie mit der Laubsäge bearbeitet? Weiss der/die Vorbesitzer/-in wie so oft nicht allzuviel über die Gitarre, sehe ich spätestens jetzt auch, ob es sich um eine laminierte oder massive Decke handelt. Beide sind kinderleicht von einander zu unterscheiden (guckstu hier).

Haltet Ihr die Gitarre in der Hand, werft einen Blick auf die Lackierung: ist sie bereits an einigen Stellen abgeschabt oder durchgescheuert, z.B. am Schallochrand oder in der Nähe des Schalloches? Heftige Spieler `strummen´ nicht selten den Lack bis auf’s Holz runter. Manche Spuren sind relativ gering und fallen vielleicht erst beim zweiten Blick auf. Schön sind sie nicht, aber das geht noch deutlich schlimmer, wenn z.B. der Schallochrand oder der gesamte Lack unterhalb weggefräst oder das Holz der Decke sichtbar ausgedünnt wurde.

Gibt es Lackrisse, tiefe Löcher oder Lackabplatzer? Vereinzelte Lackrisse sind kein Drama, aber ein Zeichen dafür, dass im Holz Spannungen entstanden sind. Zustande kommen sie z.B., wenn sich das Trägermaterial durch Austrocknen zusammengezogen hat. Lackrisse sollten wieder sauber verschlossen werden, damit sie sich nicht vergrößern. Laufen sie exakt an der Maserung entlang, müsst Ihr Euch davon überzeugen, dass sich dahinter nicht ein Holzriss verbirgt, der schnellstens zu reparieren ist. Vorher muss dem Holz durch einen Humidifier wieder Feuchtigkeit zugeführt werden.

Größere Lackabplatzer enstehen nur durch einen heftigen Stoß oder Schlag und hängen somit häufig mit einem Holzschaden zusammen. Im Folgenden sind typische Lackabplatzer zu sehen als Folge einer klassischen Stauchung. Die Gitarren wurden entweder zu hart auf den Boden aufgesetzt, angeschlagen oder sind dem Besitzer aus der Hand gerutscht. Vergleichbar ist dies mit der Frontschürze eines Autos, die nach einem deutlichen Kontakt mit dem Vordermann oder einer Mauer so gut wie immer Schäden nach sich zieht, die äußerlich nicht zu sehen sind, aber einem beim Kostenvoranschlag in der Werkstatt die Tränen in die Augen treiben.

Wenn eine Gitarre solche oder ähnliche Symptome aufweist, haben das Holz und/oder die Konstruktion definitv gelitten! Die Frage ist nur noch, wie weit sich der Schlag innerhalb der verleimten Hölzer ausgebreitet hat.

Es gibt immer eindeutige Anzeichen …

… das Binding ist leicht wellig oder sogar unterbrochen

… das Binding ist beschädigt

… das Holz ist gesplittert oder aufgeworfen

… es fehlen Holz- oder Lacksplitter

… die Rundung des Korpus bzw. die Zarge hat eine Delle

… der Lack sieht aus wie eine zersprungene Glasscheibe

… die Spiegelungen im Lack sind `unnatürlich´

Nicht jeder Stoß oder Schlag macht eine Gitarre sofort unrauchbar, aber so etwas soll jede/jeder Besitzerin/-er selbst entscheiden. Beim Kauf aber ist höchste Vorsicht geboten, erst recht bei Hinweisen wie „…der Schaden ist aber nur rein optisch und hat keine Auswirkung auf den Klang oder das Spielen…“.

Übrigens: Lack sackt je nach Zusammensetzung im Lauf der Zeit mehr oder weniger in die Holzstruktur nach, das ist normal und lässt sich, vor allem bei älteren Gitarren, an der Decke sehr schön erkennen. Manchmal entstehen Eintrübungen im Hochglanzlack, die nicht schön aussehen, aber keinen Einfluss auf die Funktionalität haben. Sie können auch noch nach Jahren auftreten und im ungünstigsten Fall große Teile des Korpus bereffen. Wegpolieren lassen sich die Eintrübungen nicht, Abhilfe würde nur eine komplette Neulackierung schaffen.

Bei der Gelegenheit lässt sich auch gleich feststellen, ob es sich bei den Verzierungen an der Kopfplatte oder am Schalloch tatsächlich um eine Einlage aus Holz, Abalone (s.u.) oder wenigstens einem Ersatzmaterial wie Perloid handelt, oder doch nur um einen aufgeklebten Schriftzug und überlackierten Folienring am Schalloch. Bei neuen (Marken-)Gitarren kann man davon ausgehen, dass die Lackierungen einigermaßen sauber erfolgen, aber in den unteren Preisklassen nicht perfekt sind. Vor allem bei Mattlacken kann man immer wieder feine Staubeinschlüsse fühlen. Wer allerdings bei einer Gitarre für weniger als 150 – 200€ Neupreis ernsthaft auf die Feinheiten der Lackqualität achtet, sollte nochmal die eigenen Prioritäten überdenken.

Ist der direkte Kontakt zum Instrument nicht möglich, weil das Objekt der Begierde im Internet angeboten wird und weit weg wohnt, solltet Ihr verschiedene Aspekte im Auge halten. Ich habe sie in den folgenden Kapiteln angesprochen.

Welches Holz macht welchen Klang…?

Mittlerweile kommen neben Fichte, Mahagoni und Palisander auch Hölzer mit einem regelrechten `Exotenbonus´ zum Einsatz, wie z.B. das hawai’ianische Koa, für das auch ein `Exotenzuschlag´ fällig ist. Einige Hersteller bieten Kombinationen ausgefallener und optisch sehr ansprechender Hölzer an, wie Makassar, Padouk, Zebrano, Cocobolo, Ovangkol, Dao oder Ziricote, um nur einige zu nennen. Manche Hölzer wie Cocobolo und Koa waren auch schon vor dem Krieg im Einsatz und wurden quasi wiederentdeckt. Andere experimentieren verstärkt mit einheimischen Beständen und versuchen diese mehr in den Blickpunkt zu rücken (siehe: Leonardo Guitar Research Project LGRP). Vor allem die kanadischen Hersteller aus der Godin-Famile gewinnen seit Jahren ihr Bauholz aus den eigenen, nationalen Wäldern. Die meisten Gitarren mit Exotenbonus rangieren leider preislich in der Oberliga und erfordern eine längerfristige Vermögensplanung.

Die klassischen Holz-Zutaten für Zargen und Boden sind nach wie vor das rotbraune Mahagoni und das dunkle Palisander. Alle Hölzer haben eine eigene Klangcharakteristik – Mahagoni z.B. wird eine tonale Wärme zugesprochen, während Palisander tendenziell analytischer und klarer klingt. Allerdings bin ich der Meinung, das die ganzen `Expertendiskussionen´ in den Gitarrenforen zum Thema „Hölzer und ihr Klang“ ziemlich theoretisch und nicht selten auch recht wichtigtuerisch sind.

Machen wir uns noch einmal klar, worum es eigentlich geht: um Spaß am Gitarrespielen oder sogar Musik machen – und zwar in einem, für uns Normalverbraucher bezahlbahren Rahmen! Wer beim Autofahren in der Lage ist festzustellen, welcher der vier Reifen gerade 0,2 Atü zuwenig hat und ob er/sie eine Zigarette mit oder ohne Filter überfährt, soll sich ruhig Gedanken über die Gummimischung an seinem Supersportwagen machen. Das sind keine Dimensionen, in denen normale Menschen denken. Dasselbe gilt für Gitarren.

Berühmte Gitarrenbauer und -experten sprechen über die differenzierten, klanglichen Vorzüge der verschiedenen Holzarten, weil sie über die Erfahrung und das entsprechende `Ohr´verfügen. Diese Menschen sind absolute Spezialisten in ihrem Bereich. Sie nehmen eine Fichtenholzplatte in die Hand und `klopfen´ sie auf ihre klanglichen Eigenheiten hin ab, bevor die Deckenteile geschnitten werden. Jede einzele Leiste für das Bracing wird von Hand bearbeitet und zugerichtet. Sie wählen für den Korpus Holzkombinationen aus, für deren Klangcharakteristik sie bereits eine recht deutliche Vorstellung im Kopf haben. Wir hören `nur´ das Gesamt- bzw. Endergebnis.


Manche Zeitgenossen finden die wahre Erfüllung ihres Lebens darin, alle möglichen Details einer bestimmten Gitarre zu diskutieren oder zu hinterfragen, Vergleiche zu anderen Gitarren zu ziehen und ihr theoretisches Wissen darüber zu verbreiten – so auch zum Thema „Hölzer“. Manches trifft zu, Vieles ist überflüssig und ich halte es für mentale Energieverschwendung.

Gitarren sind in gewissem Sinne Einzelstücke. Auch wenn sie aus einer industriellen Fertigung stammen, klingen sie deshalb noch lange nicht gleich. Das liegt an eben diesen Hölzern. Die Bäume, die für die Gitarrenproduktion geschlagen werden, sind viele Jahrzehnte alt. In diesen Jahrzehnten sind sie von kleinen Samen oder Setzlingen zu langen, dicken Stämmen herangereift. Und wie Wachstum das nun mal aufgrund der Schwerkraft so an sich hat, sind sie von unten nach oben und von innen nach außen gewachsen. Keine Faser im Holz eines Stammes ist folglich genauso alt, wie das sie umgebende Holz!

Entsprechend müssen sich Gitarren – erst recht aus der Anfänger- und Aufsteigerklasse – klanglich von einander unterscheiden, in wieweit ist dann eine andere Frage. Vergleiche des einen Holzes mit einem anderen und das beliebte Diskutieren der vermeintlichen tonalen Vorzüge desselben halte ich, was Klang angeht, für weit weniger bedeutend, als die Tatsache, das Saiten monatelang nicht gewechselt, Gitarren nicht gepflegt, die Holzfeuchtigkeit nie beachtet und die Instrumente nicht ihrem ideellen wie tatsächlichen Wert entsprechend behandelt werden.

Darüber hinaus empfehle ich folgendes Interview zum Thema, mit einem, der’s wissen muss – Tom Bedell, Gitarrenbaumeister und Inhaber von Bedell Guitars™ und Breedlove Guitars™  –  http://acousticguitar.com/tom-bedell-of-bedell-breedlove/?utm_source=Acoustic+Guitar&utm_campaign=997df92831-AGN_RSS_EMAIL_CAMPAIGN&utm_medium=email&utm_term=0_e3d13d8433-997df92831-163411645&mc_cid=997df92831&mc_eid=71bcea05a1


Wenn ich mich also für eine Gitarre interessiere, spielen viele Faktoren gleichzeitig eine Rolle. Und – die Optik ist speziell für mich ein nicht unerheblicher Faktor. Eine Gitarre mit einem schön gemasertem Holz und einem attraktiven Ahornbinding, die für mein Empfinden gut klingt, hat alles, was ich brauche. Da spielt es eine eher untergeordnete Rolle, ob der Korpus z. B. aus ostindischem oder Madagaskarpalisander besteht. Ich bezweifle sehr, dass der weitaus überwiegende Teil der Gitarrenbesitzer bei einem Blindtest in der Lage wäre, die Holzarten der verschiedenen Konstruktionen herauszuhören! Am Ende entscheidet der Gesamteindruck und die Performance der einzelnen Gitarre, die uns rundherum gefallen soll und mit der nur WIR zufrieden sein müssen.

Stimmt so…